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15. Dezember 2005
Die Depression und der Geburtstag
 

Brrrrrrr!

Die letzte Nacht war saukalt. Vorm Schlafen gehen gestern hab ich schon einen groben Fehler gemacht: Meine beiden Trinkflaschen, die mir abends unsere tolle Mannschaft mit frisch abgekochtem Wasser gefüllt hat, hab ich nach dem Abendessen auf den Tisch gestellt nicht sofort in meinen Schlafsack gelegt. Dann hab ich eine Weile mit Robert geplaudert. Und danach waren sie nur noch lauwarm.  

Am Shira Plateau hat der Wind geblasen wie nur was. Und so hab ich gefroren und gezittert, wie ich eingeschlafen bin. Gegen Mitternacht bin ich das erste Mal aufgewacht, weil - naja - ihr wisst schon - die Geschichte mit den 5 Litern trinken jeden Tag. Über eine halbe Stunde bin ich frierend in meinem Schlafsack gelegen und konnte mich nicht überwinden, ihn aufzuzippen und durch Kälte und Sturm die ca. 50 m zum Plumpsklo zu pilgern. 

Zurück im Zelt (und wieder ordnungsgemäß verpackt im Schlafsack) hat es ziemlich lange gedauert, bis ich bibbernd eingeschlafen bin. Ich bin immer wieder aufgewacht, hab die Gummizüge meines Schlafsacks jedes Mal enger gezogen und meine fast schon kalten Trinkflaschen umarmt.

Dann endlich war es 6.30 Uhr und Zeit zum Aufstehen. Noch im Schlafsack hab ich mich angezogen und meine Kontaktlinsen eingesetzt. Ich war richtig froh, dass diese Nacht endlich vorbei war. Darum war meine Laune auch anfangs noch ganz ok. Beim Frühstück aber dann kam die Ernüchterung: Das war schließlich erst die 2. Nacht. Und das erst auf 3.800 m. Ich hatte das Gefühl, ich kann die Kälte einfach nicht aushalten. Ich könnte zum Beispiel die Shira-Route hinunter gehen und nach Arusha fahren, wo es so ca. 35 °C hat, hab ich mir gedacht. Und im Hotel könnte ich einfach die restlichen 4 Tage auf die anderen warten.

Auch beim Frühstücken war mir noch kalt. Wie ferngesteuert hab ich meine Sachen zusammengepackt und plötzlich waren wir auch schon unterwegs und ich bin den anderen teilnahmslos nachmarschiert. Ich war total in Gedanken und mit mir selbst beschäftigt. Ich kann das nicht schaffen, das ist einfach zu kalt. 

 

Wie üblich in der Früh: tolles, sonniges Wetter.

Darum hatten wir vom Shira Plateau auch klare

 Sicht auf Mt. Meru.

Schweinekalt wars trotz des Sonnenscheins.

Tolle Sicht auch auf Kibo. Plötzlich schien er unerreichbar.

Robert sagt, dass der eisige Wind vom Kibo direkt auf das

kaum windgeschützte Shira Plateau hinunterbläst.  

 

Den Kibo vor uns betrachtend sprach mich Leo an. Wies wohl wird da oben. "Ich glaub ich schaff das nicht, das ist zu kalt für mich - ich sollte wieder runtergehen" hab ich ihm gesagt. Sowas will er gar nicht hören meinte er. Dann solle ich eben noch eine Schicht anziehen in der Nacht. Und seinen Biwaksack noch drüber über meinen Schlafsack, das bringt auch wieder 2 oder 3 Grad. Ich frag mich, welchen Teil meiner Aussage er nicht kapiert hat. Es geht einfach nicht. Zu kalt. Punkt.

Die anderen haben mit der Zeit Schicht für Schicht abgelegt, mir war noch immer kalt. Weil mit pole pole bringt man halt den Puls nicht wirklich auf ein wärmendes Level. Immer wieder hat auch Robert versucht, mit mir ins Gespräch zu kommen. Witze gemacht, Fragen gestellt. Warum verstehn mich die alle nicht, hab ich mich nur gefragt.

Und dann, nach ca. 2 Stunden, ist es ein bisschen steiler geworden. Und mir ein bisschen wärmer. Nein, nicht warm. Aber eben wärmer. Eine Nacht könnt ichs noch probieren ist mir plötzlich eingeschossen. Eine. Vielleicht gehts ja doch... Mir ist dann sogar so warm geworden, dass ich zumindest einmal eine Schicht reduziert hab. Und auch hinter einen Felsen hab ich mich kurz verzogen - ihr wisst schon wofür. Und wie ich da so gehockt bin hinter dem Felsen, sah ich von der Weite unsere Träger raufmarschieren.

Auch Nelson war unter ihnen, mit meinem großen Rucksack am Buckel. Und zusätzlich noch ein paar anderen Dingen, die er teils auf den Rucksack geschnallt und teils in beiden Händen getragen hat. Was für tolle Menschen hab ich mir gedacht. Was für ein Aufwand, nur um uns 6 auf diesen Berg hinauf zu kriegen. Es ist ihr Job, keine Frage, aber den machen sie wirklich sehr gut. Genau wie Robert, der am Weg auf mich gewartet hat. Ich hab mir meine Hose hochgezogen und mich plötzlich gefragt, was ich hier eigentlich betreibe! Alle waren so nett zu mir, unsere Gruppe, Robert, die Mannschaft. Und ich? Ich schmoll da herum, nur weil mir kalt war in der Nacht? Was hab ich denn für einen Knall??? Und dann war die Depression vorbei.

 

Der Tageszeit entsprechend sind am Vormittag wieder Wolken aufgezogen und so haben wir unsere Mittagspause am sog. Lava Tower auf 4.600 Höhenmeter im Nebel verbracht. Der Lava Tower ist eine interessante Felsformation aus Lavagestein. Wegen seiner markanten Form und seiner Höhe ist er schon von Weitem erkennbar. 
Man kann hinaufklettern, die Sicht von da oben soll bei Schönwetter überwältigend sein. Wegen des schlechten Wetters haben wir auf dieses Vergnügen verzichtet, denn ausser Nebel hätten wir ohnehin nichts gesehen.

Rechts: Der Lawa Tower. Lieber Leo, DANKE für dieses Foto!

 

Der Lava Tower befindet sich in der vierten der insgesamt fünf am Kilimanjaro vorhandenen Klimazonen, der sogenannten Hochlandwüste. Diese erstreckt sich auf 4.000 bis 5.000 Metern Seehöhe, ihr Aussehen erinnert an eine Mondlandschaft. "In dieser Klimazone ist es jeden Tag Sommer und jede Nacht Winter" steht im Guidebook des Nationalparks geschrieben. Denn in den Nächten sinkt die Temperatur oft unter den Gefrierpunkt, an den Tagen aber steigt sie in direkter Sonne auf bis zu 40 °C. 

 

Die Hochlandwüste des Kilimanjaro ist also auch bei Schlechtwetter eine sehr beeindruckende Gegend. 

Links: Durch dieses Gelände läuft Umbwe Route bis hinunter zur "Barranco Hut", dieses Foto hab ich gegen 14.00 Uhr geschossen. Die Pflanzen im Hintergrund heißen "Senecio kilimanjari" und wachsen nur hier am Kilimanjaro. Die Stämme werden durch absterbende Blätter gebildet. So entsteht ein perfekter Kälteschutz, denn die kalten Nächte sind nicht nur für mich eine besondere Herausforderung! Die Senecio kilimanjari kann bis zu 5 m hoch wachsen.

 

Diesmal war die Mittagspause gleichzeitig unsere Schlafüberhöhung, denn unsere heutige Tour führte uns weiter auf die sogenannte Umbwe Route. Diese sind wir wieder hinunter marschiert, bis zur "Barranco Hut" auf 3.900 m. Und weils oben im Nebel dann halt auch wieder ziemlich frisch geworden ist (diesmal nicht nur mir), hat Robert das pole-pole-Gesetz für ein paar Stunden aufgehoben (weil beim Runtergehen praktisch wurscht). Also durften Fanni, Leo und ich mit Tumani in etwas schnellerem Tempo zur Barranco Hut absteigen, was lustig und gleichzeitig etwas anstrengender und somit wärmend war. Robert und Sared kamen mit Karl, Herbert und Maria wenig später nach.

Fast schon routiniert haben wir unsere Zelte bezogen, die wieder einmal schon fix und fertig aufgebaut für uns bereit standen. Ich hab mich umgezogen und zwar nach neuer "Strategie". Lieber viel. Und lieber immer zu warm (aber ohne schwitzen, weil das is auch nicht gut) als auch nur ein bissl zu kalt. Bloß nicht mehr auskühlen, das ist die Übung für den restlichen Tag und die kommende Nacht.

Ausgelastet war ich nicht (zumindest nicht körperlich!), fad war mir auch. Und so sind Robert und ich am späteren Nachmittag noch einmal ein bisschen höher gestiegen, diesmal in Richtung Westen. Man hatte von dort eine schöne Aussicht auf ein paar Wasserfälle. Und sogar das Wetter ist ein bisschen besser geworden. Hin und wieder hat sich sogar ein Sonnenstrahl seinen Weg durch die Wolken erkämpft!

Pünktlich zum Abendessen um 18.00 Uhr waren wir zurück. Dass es wieder toll war, brauche ich wohl gar nicht mehr zu erwähnen. Jeden Abend staune ich aufs Neue, was unsere Jungs hier hinaufschleppen. Denn noch immer gibt es täglich frisches Obst. Täglich Kaffee, Tee, Popcorn und Nüsse. Täglich Suppe und Brot. Frisches Gemüse, Reis, Erdäpfel, Bohnen, Nudeln. Und das faszinierendste an der Geschichte: immer denken sie daran, dass ich Vegetarierin bin. Wenns für die anderen Huhn, Fisch, Rind oder ähnliches gibt, ist für mich auch immer was da. IMMER. Was für tolle Leute...

Und Jackson, der Chefkoch sozusagen, stand heute noch vor einer weiteren Herausforderung. Denn erst heute Früh hat uns Karl erzählt, dass heute Fannis 57. Geburtstag ist. Jackson hat im wahrsten Sinne des Wortes einen Geburtstagskuchen gezaubert, indem er aus seinem Kochgeschirr sozusagen einen Backofen gebastelt und diesen übers Feuer gehängt hat. Kurz nach dem Abendessen hat dann die gesamte Mannschaft den Kuchen serviert und ein paar Geburtstagsliedchen (englisch und swaheli) gesungen. Wir alle waren total hin und weg. Nicht nur von der netten Aktion, auch vom Kuchen, der besser schmeckte, als so mancher, den man bei uns um teures Geld zu kaufen bekommt.

 

 

Die Jungs haben gesungen und geklatscht. Wir natürlich auch. Und Fanni hatte eine schwierige Aufgabe zu bewältigen: Fachmännisch hat sie nach dem Ausblasen der Kerzen den nicht allzu großen Kuchen in ca. 25 dennoch ernst zu nehmende Stücke geteilt. Gefreut haben sich alle. Einfach nett.

Leo, DANKE für diese Fotos!

 

 

Als unsere Jungs später mit den frisch befüllten Trinkflaschen zu uns gekommen sind, hab ich meine beiden sofort geschnappt und bin damit zum Zelt gesprintet. Ich hab sie sofort in meinem Schlafsack verstaut und bin danach plaudern gegangen. Auch heute ein bisschen länger, denn morgen ist Ruhetag und wir können uns "ausschlafen". Außerdem sind nach Sonnenuntergang (gegen 18.30 Uhr) die Wolken wieder verzogen und es wurde eine wunderbare, sternenklare Nacht. Die Venus hat vom Abendhimmel gestrahlt und wir hatten eine tolle Sicht hinunter auf das Lichtermeer der südlich vom Kilimanjaro gelegenen Stadt Moshi. Und es war lang nicht so kalt wie gestern, weil es bei weitem nicht so windig war.

Gegen halb zehn (die anderen sind alle schon gelegen) hab ich mich dann auch in meinen trinkflaschen-vorgewärmten Schlafsack verzogen. Und mich eigentlich recht wohl gefühlt. Nicht dass mir warm war - aber es war ok.

DIE NACHT KANN KOMMEN!

Einen Gruß in Eure beheizten Schlafzimmerchen schickt

Isabelle

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